24.08.2023 00:00 Alter: 303 days
Kategorie: Aktuelles Heft, Startseite

Afterzitzen: Eitelkeit oder Problem?

Afterzitzen spielen in der Schaf- und Ziegenzucht eine sehr unterschiedliche Rolle. Bei manchen Rassen treten sie häufiger auf als bei anderen, manche Rassen werden wegen Afterzitzen von der Zucht ausgeschlossen, andere nicht. Die Gründe dafür verrät dieser Artikel.

Foto: Zeiler

Grundsätzlich unterscheiden wir bei Schafen und Ziegen zwischen After- oder Beizitzen und Doppel- oder Zwieselzitzen. Beide Ausprägungen verursachen dieselben Probleme. Afterzitzen sind zusätzliche, in der Regel kleinere Zitzen mit mehr oder weniger großem Abstand zur Hauptzitze. Wir unterscheiden zwischen milchführenden und nicht milchführenden Afterzitzen. Beide Ausprägungen können insbesondere bei der muttergebundenen Lämmer- und Kitzaufzucht zu Problemen führen. Bei gerade zu Beginn der Laktation etwas größeren Hauptzitzen besteht die Gefahr, dass Lämmer und Kitze in den ersten Stunden und Lebenstagen an den kleineren Afterzitzen saugen und dadurch bei milchführenden Zitzen zu wenig, bei nicht milchführenden Zitzen gar keine Biestmilch und Muttermilch aufnehmen. Die Folgen sind lebensschwache oder gar verendete Jungtiere. Dies kann nur durch aufwändige Kontrolle und Mithilfe seitens des Tierhalters verhindert werden. Dieser Aufwand ist wiederum bei großen Schaf- und Ziegenbetrieben zeitlich oft nicht durchführbar und nicht wirtschaftlich. Zwiesel- oder Doppelzitzen haben dieselbe Basis am Euter wie die Hauptzitze und münden in zwei oder mehrere Striche bzw. Milchausgänge. Sie verursachen in der muttergebundenen Aufzucht ebenfalls Probleme bei der Milchaufnahme der Lämmer und Kitze und sind vor allem bei Milchrassen in der Milchgewinnung und Melkhygiene untragbar. In beiden Fällen bergen die zusätzlichen Milchausgänge das Risiko einer zusätzlichen Eintrittspforte für Krankheitserreger ins Euter und können zu Euterentzündungen, erhöhter Zellzahl und anderen Komplikationen führen.

 

Hartnäckiges Erbe

 

Afterzitzen sind ein Exterieurmerkmal. In der Regel haben Exterieurmerkmale eine sehr hohe Heritabilität, nämlich zwischen 40 und 60 Prozent. Das bedeutet, dass diese Merkmale sehr stark vererbt werden und somit von den Eltern häufig an die Nachkommen weitergegeben werden. Die Selektion von Zuchttieren unterliegt in Österreich einem zweistufigen Selektionsmodell. Die erste Selektion erfolgt am Geburts- bzw. Zuchtbetrieb selbst durch den Züchter. Die zweite Selektion erfolgt dann im Zuge der Exterieurbeurteilung laut Zuchtprogramm sowie den jeweils gültigen Zuchtbuchbestimmungen, welche wiederum rassenspezifisch ausgeführt sind. Als Zuchtbetrieb trägt man eine Verantwortung über die züchterische Weiterentwicklung einer Rasse. Diese Verantwortung muss jedem aktiven Zuchtbetrieb bewusst sein.

 

Zuchtausschluss bei Milchrassen

 

In den aktuell gültigen Zuchtprogrammen wird das Euter nur bei Milchschaf-, Milchziegen- und Gebirgsziegenrassen als eigenes Merkmal bewertet. In der Euterbeurteilung ist auch das Auftreten von Afterzitzen geregelt. So werden bei den klassischen Milchschaf- und Milchziegenrassen Tiere mit Afterzitzen aus der Zucht ausgeschlossen. Je nach Rasse und Populationsgröße werden kleine Afterzitzen mit entsprechendem Abstand zur Hauptzitze mit einem Abzug in der Euternote toleriert, sind aber grundsätzlich unerwünscht. Bei Bergschaf-, Landschaf-, Fleischschaf- und Fleischziegenrassen ist das Euter aktuell kein eigenes Bewertungskriterium und fließt je nach Rasse mehr oder weniger in die Formnote mit ein. Aufgrund der Probleme, welche das vermehrte Auftreten von Afterzitzen verursacht, wurde in den letzten Jahren bei einigen dieser Rassen ebenfalls verstärkt darauf geachtet und die Ausprägung entsprechend vermerkt. Als positives Beispiel kann man die Rasse Krainer Steinschaf anführen, bei der seit ungefähr acht Jahren die Widder bei der Erstbewertung auf Afterzitzen kontrolliert werden und nur Tiere ohne Afterzitzen angekört werden. Durch diese Maßnahme und die gute Erblichkeit konnte das Vorkommen von Afterzitzen massiv verringert werden.

 

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